Fressen für den Naturschutz -

NABU-Beweidungsprojekte in der Region Rhein-Westerwald

Konik-Pferde grasen im Beweidungsgebiet Schmidtenhöhe

Halboffene Landschaften benötigen viel Pflege, um ihren naturschutzfachlich bedeutsamen Charakter zu erhalten und der Verbuschung entgegenzuwirken. Dazu setzen die NABU-Gruppen der Region Rhein-Westerwald viele tierische Helfer ein. Sie tragen klangvolle Namen wie Burenziege, Heckrind, Konik, Zwergesel, Moorschnucke oder Graue Gehörnte Heidschnucke. Diese alten, robusten und teilweise seltenen Haustierrassen werden je nach zu beweidendem Gebiet ausgewählt. Sie tragen durch ihre Weidetätigkeit und den Verbiss an jungen Bäumen und Sträuchern dazu bei, dass die Landschaft ihren halboffenen Charakter behält. So entsteht ein Mosaik aus verschiedensten Kleinstlebensräumen, die einer Vielzahl an Tieren und Pflanzen ein Zuhause geben.

 

Die Schmidtenhöhe – von Panzern und Rindern

Auf etwa 100 ha des ehemaligen Standortübungsplatzes Koblenz-Schmidtenhöhe betreut die NABU-Gruppe Koblenz und Umgebung ein großes Beweidungsprojekt. Durch die vielen Panzerfahrten auf dem Truppenübungsplatz hatte sich eine halboffene Landschaft mit zahlreichen kleinen Tümpeln, Schlammlöchern und Geröllhalden gebildet. Dieses savannenähnliche Gelände hatte sich so zu einem Paradies für Flora und Fauna entwickelt. Insbesondere seltene Amphibien wie Kammmolch, Gelbbauchunke, Laubfrosch oder Wechselkröte, aber auch zahlreiche Libellen wie die Kleine Pechlibelle oder die Frühe Heidelibelle profitierten stark von den Kleingewässern. Im Beweidungsgebiet wurden bisher 136 Vogelarten festgestellt. Wegen des Artenreichtums wurde das Gebiet in die Natura 2000-Schutzkulisse aufgenommen. Nachdem jedoch die Panzerfahrten 1992 eingestellt wurden, drohte das Gebiet zu verbuschen und die Artenvielfalt zurückzugehen. Weil ein Beweidungsprojekt mit Schafen nicht die gewünschten Erfolge brachte, führte der NABU Rheinland-Pfalz bzw. die NABU-Gruppe Koblenz und Umgebung eine Beweidung mit Rindern und Pferden nach dem Konzept der Halboffenen Weidelandschaft ein. Dieser Plan hatte schon in anderen Regionen große Erfolge gezeigt. In dem Gebiet werden nun ungefähr 50 Heckrinder und etwa ein Dutzend Konik-Pferde gehalten. Diese robusten Rinder sind Rückzüchtungen, die dem wilden Stammvater der Hausrinder, dem Auerochsen, ähneln, jedoch etwas kleiner sind. Im Rahmen des Taurus-Projektes wurden große südeuropäische Rinderrassen eingekreuzt, weshalb die Rinder auch manchmal Taurusrinder genannt werden. Zusammen mit den Koniks, einer robusten Pferderasse aus Mitteleuropa, halten die Herden das Gelände ganzjährig offen. Rinder der Schmidtenhöhe werden mittlerweile auch in Beweidungsgebieten bei Mündersbach und Herschbach im Westerwaldkreis zur Landschaftspflege eingesetzt. Diese beiden Beweidungsprojekte werden von der NABU-Agrar-Umwelt-GmbH betreut, die eigens für die Durchführung von NABU-Beweidungsprojekten gegründet wurde.

Taurus-Rinder im Beweidungsgebiet Schmidtenhöhe bei Koblenz

 

Die Marau – Platz für die Junggesellenherde

Zwischen Montabaur und Holler liegt die Fläche Marau, auf der seit dem Jahr 2014 zwölf Heckrinderbullen ihre Arbeit tun. Die Tiere stammen aus dem Beweidungsprojekt Schmidtenhöhe und werden von der NABU-Gruppe Montabaur und Umgebung betreut. In dieser Herde finden sich nur männliche Tiere, damit es nicht zu Streitigkeiten um die holde Weiblichkeit kommt und alles friedlich abläuft. Die Herde gestaltet die Fläche um den Elberter Bach als halboffenes Weideland, sodass Neuntöter, Braunkehlchen und typische Bodenbrüter sich dort wohl fühlen. In der typischen Feuchtwiesenflora kann man u. a. zahlreiche Schmetterlinge und Wildbienen herumstreifen sehen.

Sechs Burenziegen und zwei Zwergesel auf der ehemaligen Industriehalde im Industriegebiet von Bendorf

Concordia Sandhalde – von der Industriehalde zum Kleinod

Mitten in einem Industriegebiet in Bendorf hat die NABU-Gruppe Neuwied und Umgebung ein kleines Paradies geschaffen. Im Jahre 2005 kaufte die NABU-Gruppe eine ca. 5 ha große ehemalige Industriehalde von Thyssen-Krupp. Auf dieser aufgeschütteten Sandhalde mit Bergen aus Formsanden fanden sich viele typische und seltene Arten offener, warmer Landschaften wie Zauneidechsen, Sandlaufkäfer oder die Blauflügelige Ödlandschrecke. Doch die Natur macht auch vor einer Industriehalde nicht Halt, und so drohte dieses Biotop zu verbuschen. Die NABU-Gruppe holte sich jedoch tierische Helfer, um den wertvollen offenen Charakter der Fläche zu erhalten. In der bergigen, unwegsamen Fläche stellten sich Ziegen und Esel als ideale Unterstützung heraus. So beweiden heute sieben Burenziegen und zwei Zwergesel die Fläche.

Heidelandschaft Bonefeld und Quellgebiet Laubachtal – von Schafen, Pferden und Rindern

Die NABU-Gruppe Rengsdorf führt gleich drei kleinzellige Beweidungsprojekte durch. In Bonefeld helfen 20 Graue Gehörnte Heidschnucken den Naturschützern, die Bonefelder Heide zu erhalten und auszuweiten. Dieses etwa 2 ha große Heiderelikt war komplett verbuscht, bevor die Heidschnucken mitarbeiteten, den typischen Heidecharakter wieder herzustellen. Auf einer 6.000 qm großen Streuobstwiese sind drei Pferde in Stellung, die Wiese niedrig zu halten. Im Quellgebiet des Laubachtals ist die Tier- und Pflanzenwelt besonders artenreich. Um Wollgras, heimische Orchideen, Fieberklee, Neuntöter und Co. zu erhalten und zu fördern, wird eine Herde von acht Murnau-Werdenfelser-Rindern zur Biotoppflege eingesetzt. Diese bayrische Rinderrasse ist stark gefährdet und steht auf der Roten Liste der gefährdeten Haustierrassen (Kategorie 1: extrem gefährdet). Somit leistet der NABU Rengsdorf ganz nebenbei auch einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung dieser Haustierrasse.

Highland-Rind auf der Beweidungsfläche "Im alten Roth" bei Girkenroth

 

Im alten Roth bei Girkenroth – von schottischen Hochländern im Westerwald

Im Jahr 2001 startete auf einer ca. 2 ha großen, hügeligen Fläche bei Girkenroth ein Beweidungsprojekt mit schottischen

Hochlandrindern, das von der NABU-Gruppe Guckheim betreut wird. Die kleinen, zotteligen Rinder gelten als äußerst robust und folgsam. Vier Highlands grasen hier nun den ganzen Sommer über im Auftrag des Naturschutzes. Auf einer höher gelegenen Fläche wird für die Zukunft mit einer Ziegenbeweidung geplant, um den

naturschutzfachlichen Wert des Gebiets weiter zu erhöhen.

 

Das Ölferbachtal und seine Bachauen – Ein Vernetzungskorridor zwischen Sieg und Wied

Seit gut 15 Jahren unterhält der NABU Altenkirchen eine kleine Schafherde, die gezielt zur Beweidung des Ölferbachtals eingesetzt wird, dem wohl wertvollsten und artenreichsten Lebensraum in der näheren Umgebung von Altenkirchen und einem bedeutenden Vernetzungskorridor zwischen Sieg und Wied. Alte, bewährte Rassen werden hier als Biotopschafe eingesetzt. So sorgen Rhönschaf, Graue Gehörnte Heidschnucke, Bentheimer Landschaf und Coburger Fuchsschaf für eine artenreiche Flora mit seltenen Pflanzenarten. Anzutreffen ist auch eine bemerkenswerte Fauna wie z. B. Sumpfgrashüpfer, Kaisermantel, Sumpfschrecke und der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling.

Feuchtgebiet bei Höchstenbach – Bekämpfung der Herkulesstaude mit Moorschnucken

Seit mehreren Jahren bekämpft der NABU Kroppacher Schweiz im Feuchtgebiet zwischen Höchstenbach und Welkenbach die giftige Herkulesstaude, auch Riesen-Bärenklau genannt. Sie verdrängt

heimische Arten wie Brennnessel, Fieberklee und Orchideen. Durch das rasante Wachstum (1 cm pro Tag), die Vielzahl der Pflanzen (ca. 1000) und den feuchten Untergrund erweist sich dieses Vorhaben jedoch als schwierig. Helfen sollen nun Moorschnucken, eine alte Schafrasse, die ursprünglich aus den Moorgebieten

Niedersachsens stammt. Sie sind durch ihr geringes Körpergewicht, ihre Widerstandsfähigkeit und Unempfindlichkeit gegen Nässe hervorragend zur

Landschaftspflege von Moorgebieten geeignet. Die Moorschnucken sollen die jungen Triebe der Herkulesstaude fressen und diese so eindämmen. Während die Pflanze bei Menschen verbrennungsähnliche Hautverletzungen auslösen kann, ist sie für die Tiere ungefährlich. Neben dem Ziel der Bekämpfung der Herkulesstaude wird außerdem die Moorschnucke als alte Nutztierrasse gefördert.

 

So verschiedenartig die Flächen des NABU in der Region Rhein-Westerwald und somit auch die Zielsetzungen der Beweidungsprojekte sind, so unterschiedliche Weidetiere werden dort eingesetzt. Immer die passenden Tierarten für das jeweilige Gelände. Die tierischen Helfer halten die Landschaft offen und nehmen so den ehrenamtlichen Naturschützern eine Menge Arbeit ab. Und ganz nebenbei entstehen in den Hinterlassenschaften der Tiere neue Habitate für Insekten. Durch die Naturschutzbeweidung entstehen artenreiche Landschaften, von denen eine Vielzahl an Pflanzen und Tieren profitieren - eine ausgezeichnete und mittlerweile bewährte Alternative zu Freischeider und Balkenmäher.

 

Text: Jan Schürings und Lea Ostrowski

 

 

 

Einige NABU-Gruppen bieten Führungen durch die Beweidungsgebiete an; an manchen Flächen wurden außerdem Informationstafeln für die Bevölkerung aufgestellt. Wenn Sie mehr über eines der Beweidungsprojekte erfahren möchten, oder sogar Interesse haben, bei der Tier- oder Flächenbetreuung mitzuarbeiten, nehmen Sie doch Kontakt mit der entsprechenden NABU-Gruppe auf, helfende Hände sind immer willkommen!

 

taurus-Rinder vor der untergehenden Sonne im Beweidungsgebiet Schmidtenhöhe bei Koblenz